Mein Paris-Brest-Paris 2011

Sonntag 21.08.2011

Lange war das Ziel PBP ein Motivationspunkt am Horizont – aber noch weit entfernt. Dann saßen wir nun am Sonntag im Hotel und dem Rookie kam langsam etwas Bammel. Der Stratege Roger gab letzte Tipps, ein paar Österreicher und Schweden meditierten, René hatte am Abend zuvor noch mächtig an seinem Milan geschraubt. Und es war ein heißer Sommertag.

Mein Ziel war, die Brücke vor Brest im Hellen zu erreichen, heil im Laufe des Mittwochs wieder in Paris einzutreffen und die Fahrt und die mir oft beschriebene Atmosphäre zu genießen. Um 16:00h fuhr ich zum Start, wo um DEN Kreisverkehr die Straßen schon von einem Meer bunter Rennradler blockiert waren. Wundersamerweise öffneten sich Spaliere für uns Liegeradler, die schon um 17:30h auf die Piste gehen sollten. Es war ein fröhliches Wiedersehen.

Dann pünklich der Start. Wir fahren durch ein begeisterndes Spalier, Gänsehautfeeling bei 31°C. Wir kommen gemächlich in Fahrt – kein hektisches Losbolzen so dass ich sogar Fotos machen kann. Als wir aus den Vororten raus sind, mahnt der Gegenwind, sich nach einer passenden Gruppe umzusehen - gar nicht so einfach, da viele jetzt einen Gang zurückschalten – aber schließlich findet sich ein Liegerquartett aus Finnland, Slowenien, Belgien und mir – wir wechseln im 5 Minuten Rhythmus - bis erst der Belgier und dann der Finne rausnehmen und sich verabschieden.

Mit Aleksej läuft es dann in den Abend und in die Nacht. Er ist mit auf einem Zockra Highracer mit Minimalgepäck unterwegs und hat ein Unterstützerteam an den Kontrollstellen ;-(. Bergauf hab' ich's da mit meinen Baron und dem 8 kg Rund-um-Sorglos Gepäck schwerer. Aber wir genießen die schönen Wege durch die hügeligen Wälder. An der ersten Verpflegungsstation Mortagne au Perche bei km 140 verabreden wir nur einen kurzes Wasserauftanken, er bei seinen Leuten und ich am offiziellen Wasserhahn. René ist auch da, braucht aber etwas länger und ich bin wieder auf der Piste. Die Bananen, die ich nicht mehr in meine Taschen quetschen wollte, hab ich ja auch noch vorne im Liegeradtrikot.

Nun geht’s durch die Nacht – Aleksej habe ich verloren. Mehr stört mich, dass jetzt schon mein rechtes Knie zwickt. Zu ausgeruht und dann unbemerkt mit zuviel Kraft gefahren? Ich suche mir eine Rennradler Gruppe aus den vor uns gestarteten 84h-Fahrern und will locker durch die Nacht kurbeln. Bergab heißt das dann aber immer ein bisschen Bremsen – bei längeren Gefällen lass ich es dann aber laufen und komme so dann zu vorderen Gruppen oder auch Mal ins Nichts – kein Lichtlein weit und breit – nur die Sterne funkeln … bis dann doch wieder rote Rücklichter voraus auftauchen.

Montag 22.08.2011

Gegen 1:25h kommt die erste Kontrolle (km 220) in Villaines La Juhel, und in Rogers Reihenfolge: Stempeln, Wasserauffüllen, Pinkeln. Als ich wieder starte, sorgt René mit seinem Milan gerade wieder für Aufsehen bei den zahlreichen Zuschauern. Auch in den Dörfern sitzen noch um diese Uhrzeit 3 Generationen vor den Häusern und applaudieren. Deren Hände müssen doch wund sein? Bis Fougeres, der nächsten Kontrolle und Mitte der Hinstrecke sind es noch 90 km. Ich fahre meist mit etwas Abstand hinter kleinen Rennradgruppen –da blendet mir kein Scheinwerfer in den Rückspiegel und ich brauche mich auch nicht so sehr auf das Zucken von dicht vor mir fahrenden Hinterräder zu konzentrieren, mentale Energie sparen.

Fougeres (km 310) erreichen wir kurz vor 5, hier ist die Streckenführung
tatsächlich so wirr, wie auf dem offiziellen Track – aber
glücklicherweise stehen hier auch noch um diese Uhrzeit Leute, die den
Weg weisen. Stempeln, Wasserauffüllen, 1 Cola kippen und zur
Knieentlastung Beinmuskulatur dehnen – und weiter – frohlockend, dass es
bald hell wird.
Tinteniac nur 55 km weiter um kurz nach 7 im Hellen – auf dem Weg nach Loudeac setzt leichter Regen ein – hört aber auch wieder auf. Die als Beinkleid gewählte Funktionswäsche vom Discouter mit Radhosen ähnlichem Design bewährt sich – kein Aufscheuern – und das sollte bis Paris so
bleiben ;-) In Loudeac (10:33h, km 449)gibt’s sogar einen speziellen Abstellplatz für Liegeräder und der französische Liegeradverband hat
auch noch eine extra Schlafmöglichkeit – vielleicht auf dem Rückweg – aber soweit denke ich noch nicht. Jetzt denke ich aber daran, Mal ordentlich zu essen, Nudeln mit Käse und eine salzige Suppe, lecker. Hier treffe ich auch Michael aus Hamburg, mit dem ich letztes Jahr fast die gesamte HBK Runde gemeinsam gefahren bin. Seine Mitradler sind angeknockt und sie wollen hier erst Mal schlafen.

Auf dem Weg nach Carhaix lässt glücklicherweise das Zwicken im rechten Knie nach – ich kurbel weiter locker mit für mich relativ hohen Drehzahlen. Die Anstiege gehen auch selten über 5% hinaus – so dass vorne 56/38 und hinten 12-30 völlig ausreicht. Ich lerne die Steigungsanzeige am Tacho zu schätzen, erlaubt sie doch eine bessere Einschätzung der Leistung, wenn bei dem dauernden Auf und Ab das Gefühl für die tatsächliche Steigung verloren geht.

Seit 3 Jahren fahre ich nun Brevets und habe meist auch einen physischen Durchhänger – und glücklicherweise auch die Erfahrung, dass der 2. Wind kommen wird. Vielleicht durch die Anfangs bewusst lockere Fahrweise zwecks Knieschonung ist bei dieser Tour immer ausreichend Kraft vorhanden und immer noch das Gefühl da, ne Schippe drauf legen zu können. Und nachdem mir Opa & Enkelin am Straßenrand noch eine Cola gereicht haben (und nur ein Foto wollten) gab's noch Mal einen Schub. In Carhaix um 13:45h bei km 525 – nur kurzer PitStop. Mich zieht es nach Brest. Auf der landschaftlich schönen 'Route Touristique' klemmt sich auf der bergab sich um Felsen windenden Straße der Franzose Jean-Luc in mein Windschättchen. Wir parlieren etwas – bis er mir auf dem langen Anstieg zum Roc Trehezel vorausfährt. Hier schwirren auch zahlreiche nicht PBP Rennradler herum und muntern die müden Kollegen auf oder nehmen sie nicht ganz regelkonform in den Windschatten.

Ich freue mich, Brest im Hellen erreichen zu können. Es könnte sogar innerhalb von 24h geschafft sein – eigentlich schnurz egal – aber nach einem kurzen Fotostop auf der Brücke und dem chaotischen Feierabendverkehr in Brest – hier gibt’s nach hunderten von km auch Mal wieder ne rote Ampel – komme ich kurz vor 17:30h in Brest an. Es ist trocken, 20°C, hell. Also zur Feier ein Menu im SelfResto – und das ideale Radlwetter für die Rückfahrt nutzen.

Hier geht’s nun in steileren Wellen ziemlich rauf und runter. Ich treffe wieder Jean Luc – komme aber besser mit der Topographie zurecht – oder hab mehr Energie getankt. René kommt mir entgegen und mahnt zur Schlafenszeit. Oben auf dem Roc Trevezel kommt Jean-Luc wieder ran als ich mir bei einem starken Regenschauer meine Regenjacke anziehe. Bis Carhaix ist aber wieder alles trocken. 21:30h km 700. Dämmerung. Da ich noch keine Müdigkeit verspüre, will ich noch ein paar Stunden in die Nacht fahren und dann in Loudeac schlafen – und auf das Angebot der französischen Liegeradler zurückkommen. Daraus wurde aber nichts – denn nach anfänglichem Wetterleuten setzte Starkregen mit Gewitter ein und das nun entgegenkommende Hauptfeld der 90h Starter raubten mir mit ihren LED-Kanonen etwas den Nerv – Pech für mich Liegeradler, wenn ich den Kopf auch so tief habe. Da ich dann keine Straßenränder mehr erkennen konnte, ging es nur in Schleichfahrt weiter. Und auch bei diesem Sauwetter in der Nacht noch Anfeuerungsrufe. Begleitet von Blitz und Donner von der Seite „Monsieur, un café sie vous plait?“, „C'est bon!“, „Bon courage!“ - Wahnsinn!

Klatschnass erreiche ich endlich um 23:20 h die Übernachtungszwischenstation in St. Nicolas de Pelem. Im Verpflegungszelt hat sich durch das von allen Seiten hereinlaufende Wasser eine Schlammwüste gebildet. Jan, Roger und Stefan sind auch da. Viele kauern in AluFolie eingehüllt. Die Organisation der Schlafplatzvergabe ist gerade unter dem Ansturm zusammengebrochen. Schon wegen des blendenden Gegenverkehrs will ich erst im Hellen weiterfahren. Ich überlege, an der Bierzeltgarnitur sitzend zu schlafen, vertilge erst Mal noch ein paar Vorräte – bis zur Theke will ich nicht durch den Schlamm. Dann wird mir aber schweinekalt und ich suche etwas unkoordiniert nach ner warmen Ecke. Um halb 2 h endlich bekomme ich dann einen Schlafplatz und gebe 6:00h als Wecktermin an. Es ist einigermaßen warm in der Halle und ich ziehe mir die nassen Sachen aus und lege mich mit trockener Hose und Ersatzunterhemd auf die Liege. Als mein Nebenmann sich wieder aufs Rad schwingt habe ich auch eine Decke und bin bald weg.

Dienstag 23.08.2011

Um kurz vor 6 wache ich von alleine wieder auf, die Halle ist fast leer und es hat aufgehört zu regnen. Da ich nicht hier im Schlamm frühstücken will, gibt’s nur einen Müsliriegel und um 6:15h geht’s Richtung Loudeac, wo es um 8:30h erst Mal Nudeln, Suppe, Milchreis und Cola zum Frühstück gibt. Bei der Abfahrt biegen Hans und Christian gerade zur Kontrolle ein. Bei mir ging's weiter durch den Morgennebel. Es ist diesig – etwas nieselig aber bald treibt der Wind aus Südwest ;-) auch Mal die Wolken kurz auseinander.
Und es bleibt den ganzen Tag bei dem Rückenwind und ab und zu ein leichter Schauer. Hinter Fougeres taucht ein Quest hinter mir auf, Hans. Für 20 Minuten gelingt es mir, ihn in Sichtweite zu behalten. Kreisverkehre mit anschließenden Steigungen helfen dabei. Bergab packt er trotz der Schwüle und 25°C immer den Schaumdeckel wieder aus.
Heute auf der Retour sehe ich tagsüber fast keine Gruppen mehr. Außer Hans überholt mich bis Paris nur noch ein junger Australier. Aber immer wieder tauchen einzelne Kämpfer vor meinem Ausleger auf. Christian habe ich in den Kontrollen Loudeac und abends dann gegen 18:00 in Villaines la Juhel kommen sehen, als ich wieder auf dem Absprung war. Er musste dann wohl aber Kunstpausen machen - zwecks Einhaltung der Mindestzeit. In Villaines la Juhel wurde das zahlreiche Publikum von einem Moderator unterhalten. Der Baron und noch mehr natürlich der Milan boten ihm dann neuen Gesprächsstoff. Überhaupt wurde mein Rad sehr oft als „Belle Machine“ gelobt und keine einzige Frage, ob das nicht zu gefährlich sei. Bei der Ausfahrt aus der Feierzone fängt es wieder an zu nieseln – egal 1000 km sind geschafft!
Jean-Luc taucht wieder auf, kämpft immer noch mit seinem Rücken und muss
nach einigen Stakkatotritten am Berg immer wieder innehalten.
Ich freue mich, dass ich nun den nächtlichen Hinweg auch bei Tageslicht befahren kann und dass das Wetter wieder aufklart. Mortagne au Perche ist schnell um 20:54h erreicht. Für den Schluss noch Mal ne Cola und ein Sandwich – und ab geht’s in die Nacht. Ich fahre zunächst auf einen Franzosen und zusammen zu 2 Amerikanern auf. In der Nacht kommt es mir wie im Express vor, es ist schon Vorfreude. Nach der letzten Kontrolle in Dreux um Mitternacht verbleiben noch 65 km.


Mittwoch 23.08.2011

Die Ausfahrt aus Dreux ist etwas chaotisch – aber als wir wieder unter dem Sternenhimmel in der Landschaft sind, schließt sich Andreas noch an und die Amis machen Dampf. Nach einem kurzer Verfahrer mit Rütteltest durch ein Dorf mit Pflastersteinen aus der Römerzeit bleiben sie dann aber zurück und Andreas und ich fahren die letzten 15 km zusammen, jagen noch Mal die Schnellstraße von Trappes ins Ziel: 3:01h, Dort ist es ruhig, einzelne Finisher liegen schlafend in den Rängen. Nach Erledigung der letzten Formalitäten verabschieden wir uns und ich rolle innerlich breit grinsend glücklich, zufrieden und dankbar zum Hotel nach Trappes. Dort überfällt mich dann nach dem Ausräumen der nassen Taschen und Duschen die Müdigkeit.

Bon nuit, Hajo

Kurze Statistik:
Startnummer: 6450
Bruttozeit: 57:30h
Netto Fahrzeit: 46:40h
Schnitt in Bewegung: 26,5 km/h
Standzeit in ST. Nicolas de Pelem: 7:00h, davon 3,5 h Schlaf
Restliche Standzeit: 3:50h
Gesamtstrecke: 1235 km
Höhenmeter: 10500 m

Kurzes Resümee:
Bei mir hat es fast alles gepasst,
- bis auf das nächtliche Unwetter gutes Radfahrwetter: einigermaßen trocken, warm und meist Wind von schräg hinten
- Sonnencreme braucht ich nur, um das Geknärze der Klickies abzustellen
- durch die frühe Startzeit und zügiges Fahren keine Wartezeiten an Kontrollen oder Restaurants
- das Werkzeug, Ersatzschläuche und Mäntel brauchte ich nicht auspacken
- der Straßenbelag war meist gut, die Warnungen vor der Rauigkeit waren übertrieben
- die Steigungen waren durchweg moderat, so dass ich mir die Tour im Velomobil auch gut vorstellen könnte – dann wäre man aber noch inkompatibler zu Rennradgruppen und definitiv Einzelfahrer und für die sozialen Kontakte auf die Kontrollstellen angewiesen ;-)
- die Anteilnahme und Begeisterung der Leute ist stark negativ war das nächtliche Fahren gegen die hellen Radscheinwerfer. Das wäre aber auch bei einem Start Montag Morgen nicht zu vermeiden gewesen. Pausieren und den Tag wieder kraftvoll fahren können, macht auch Laune!

Was ist die Summe aus 9 und 5?

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