Alain Hinzen hat uns seinen Bericht zur Verfügung gestellt. Ich habe lange überlegt, ob ich ihn veröffentlichen will, weil ich auf keinen Fall die Mühen der Veranstalter diskreditieren will. Ich kenne Alain aber als besonnen Menschen und ausgezeichneten Rennfahrer, dessen Meinung ich den Lesern auch nicht vorenthalten will. Er ist kritisch aber ich hoffe es wird als positive Kritik aufgefasst. Da ich selber schon Rennen und Events veranstaltet habe ist mir die Problematik durchaus bewusst und ich würde mich freuen, wenn andere daraus lernen können.

Confusione Umana – eine würdige WM?

Mal ein paar Runden auf der ehrwürdigen Monza Strecke fahren – bei der Aussicht auf dieses Erlebnis flammt unwillkürlich neben meiner Renn- und Liegerad-Leidenschaft eben auch meine Automobil-Leidenschaft auf. Das Ganze ist dann noch im Rahmen eines Sportfestivals als HPV-WM ausgeschrieben und schürt natürlich hohe Erwartungen an das Event, das dann auch kurz vor Meldeschluss durchaus klingende Namen aus der Szene anzulocken vermag. Mit anderen Worten, mit einer riesen Portion Vorfreude im Bauch geht’s auf die letzten Vorbereitungen an Mensch und Maschine und dann auch auf die 600 km lange Fahrt zum Autodromo di Monza.

Obwohl auf der Hinfahrt einige Zeit im Stau verbracht wurde, waren wir immerhin noch eine Stunde vor Start des ersten Rennens da, dachten wir zumindest. Der Veranstalter hatte eher kurzfristig entschieden, den Start der schnellsten Runde mal eben um einige Stunden nach vorne zu verlegen. Sorry, aber das geht mal gar nicht. Selbst wenn das Wetter so schlecht ist, dass man um die geplante Zeit nicht fahren kann, dann muss man es eben nach hinten verlegen oder ausfallen lassen. Naja, dann halt heute nur die 1000 m fahren. Davor noch mal aufs WC, beziehungsweise erstmal in die Schlange davor. Für 110 Starter gibt’s nämlich nur eines davon, Umkleide und Dusche wurden offenbar als völlig überbewertet abgetan und von der Liste gestrichen. Dafür konnte ja schließlich die einzige Toilette herhalten. Dass die 1000 m dann noch mit deutlich über einer Stunde Verspätung gestartet wurden hat das Bild des ersten Tages noch passend abgerundet und das Warmfahren dann auch ad absurdum geführt (ich habs für die kommenden Rennen dann auch weg gelassen). Offenbar ist der Cocktail aus italienischer Lebensart und HPV-Szene eine Mischung, die dem UCI-verwöhnten Sportler die Galle hochtreibt. Auf welcher Position ich ins Ziel gekommen bin, hab ich übrigens an dem Tag nicht mehr erfahren, weil die Ergebnislisten erst am Tag drauf irgendwann aufgehängt wurden. Ich dachte immer, mit Transponder ist so eine Ergebnisliste doch gar nicht mehr so schwer schnell hinzubekommen. Bei Rennradlern klappt es doch auch, dass 15 Minuten nach Zieleinlauf die Rangfolge klar ist. Ohne Transponder. Das selbst organisierte Hotel war aber wirklich gut und ruhig.

Tag 2. Ich geh schon gar nicht mehr davon aus, dass es pünktlich losgeht. So etwa eine Stunde nach dem geplanten Start bewegt sich dann auf einmal ein Tross von Liegeradlern in irgendeine Richtung. Ich folge und wir kommen an die alte Monza-Strecke, also das Oval, auf dem ganz früher mal die Rennen ausgetragen wurden. Ist schon ein Stück automobiler Geschichte – und sollte es nach dem Zustand des Belags zu urteilen auch bleiben. Das Gerappel, was einen da durchschüttelt ist für 200 m Sprint schon als eher grenzwertig zu betrachten. Bis die Zeitmessung installiert ist und wir endlich loslegen können vergeht locker noch mal eine Stunde, so dass wir auf zwei Stunden Verspätung kommen. Danach gibt in der Box noch ein Mittagessen. Als ich das sehe, was aufgetischt wird, bin ich froh, als Selbstversorger mit Campingkocher da zu sein. Grobe Salami, fette Käse und Antipasti sind zwar lecker, taugen vor dem Rennen aber höchstens dazu, die Konkurrenz aus den Rennen zu kegeln. Im Anschluss dürfen dann noch die, die gestern pünktlich da waren und die schnellste Runde verpasst haben, diese auf Regennasser Strecke nachholen, direkt vor dem 3 Stunden Rennen. Ich fahre ausschließlich, um mir die Strecke mal anzusehen. Das 3 Stunden Rennen startet dann erstaunlich pünktlich, also nur etwa eine halbe Stunde später als die späteste angesetzte Zeit. Kurz vor der Schikane will ich in der ersten Runde anbremsen, einlenken und bin völlig überrascht, dass vor mir keine solche Anstalten macht. Bin ich so langsam in den Kurven? Nein, der Veranstalter hat sich nur entschieden, die Schikane rauszunehmen. Gut, dass wir drüber geredet haben. Danach läuft das Rennen für mich eigentlich recht locker. Ich könnte viel schneller, aber in der Spitzengruppe der Heckverkleideten macht das als Unverkleideter irgendwie wenig Sinn, da noch was drauflegen zu wollen. Nach eineinhalb Stunden wird’s endlich Interessant und Hans Wessels attackiert (mit Heck) ein paar mal und zerlegt die Gruppe. So hab ich mir den Rennverlauf gewünscht. Schade nur, dass ein Plattfuß mich aus dem Rennen nimmt. Ich verfolge vom Streckenrand aus das packende Kopf- an Kopf Rennen zwischen Stephen Slade in seiner Kingcycle Beano und Aurélien Bonnetau im Milan. Die TV-Klasse macht Hans Wessels im Alleingang klar, genauso der sehr starke Pieter Hollebransje kurz dahinter in der UV-Klasse. Auf den Tribünen haben sich recht viele Zuschauer (für HPV-Verhältnisse) eingefunden, die sich auf den riesigen Tribünen allerdings etwas verlieren und wohl nicht so richtig begreifen, was da abläuft, weil leider kein Kommentator seinen Senf zum Renngeschehen abgibt.

Tag 3. Heute die absolute Witzdisziplin, das 50 m Dragrace. Sorry, aber was hat das auf ner WM zu suchen? Ich fahre hin, entscheide mich aber gegen den Start als bekannt wird, dass nach dem Qualifikationslauf gegebenenfalls noch Ausscheidungsläufe absolviert werden müssen. Erst später wird dann klar, wie viele Punkte es für dieses Dragrace gegeben hat, was mir nach dem Pech gestern egal ist. Nach welchem Punkteschma diese verteilt werden, bleibt aber Geheimnis der Veranstalter. Jedenfalls wurde nicht das auf deren Webseite angekündigte verwendet. Dort vor Ort erfahre ich dann auch, dass das Stundenrennen am Nachmittag kein Massenstart ist, wovon ich eigentlich ausgegangen bin, sondern ein Einzelzeitfahren. Auf meine Anfrage hin, wie denn die Restzeit und die letzte Runde angekündigt werden heißt es dann, da wird es schon irgendwas geben. Ich weiß jetzt nicht, ob mein Englisch so schlecht ist, oder seins. Da ich beruflich doch etwas Englisch brauche und damit problemlos klarkomme, kann ich die Frage für mich recht eindeutig beantworten. Nach dem Start stelle ich dann fest, dass es wohl gar nichts gibt, an dem man sich halten kann, was die Zeit angeht. Da ich ohne Uhr und Tacho unterwegs bin, versuche ich, über eine voraussichtliche Rundenzahl den Zeitfortschritt abzuschätzen. Das geht aber in die Hose, weil ich nach dritten oder vierten Runde nicht mehr genau weiß, in welcher ich denn nun wirklich bin. Ich erfahre dann nachdem ich aufgehört habe, dass ich doch eine zu viel gefahren bin. Auf die Endergebnisse warte ich dann gar nicht mehr, weil ich um 20 Uhr am Gotthard-Tunnel sein will, um nicht über den Pass zu müssen.

Was bleibt ist die besondere Atmosphäre, mal auf der Monza-Rennstrecke gefahren zu sein, außerdem war es schön, mal da zu fahren, wo was los ist. Und das war es im Rahmen des Sportfestivals. Das was HPV-typisch ist, war natürlich auch der Kontakt zu vielen interessanten und netten Leuten aus der HPV Szene. Aber für die positiven Aspekte kann der Veranstalter nichts. Das Event war dermaßen schlecht und chaotisch und willkürlich organisiert, dass eigentlich nicht von einer ernsthaften Sportveranstaltung, geschweige denn von einer WM zu sprechen war. Der einzige würdige Weltmeister, der es durch das ominöse Punktesystem geschafft hat, war Aurélien Bonnetau in der VV-Klasse. Dass in den anderen Klassen nicht Hans Wessels bei TV und Pieter Hollebrandsje bei UV gewonnen haben unterstreicht für mich noch den Witzcharakter dieser Veranstaltung. Nur schade, dass ich über den Witz nicht lachen kann.

Bitte rechnen Sie 1 plus 7.

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